Und da stand ich dann plötzlich. Mit meiner am Vortag abgeholten Startnummer. In meiner bequemsten Laufbekleidung. Zwischen unzähligen weiteren Läufern. Es war dunkel- gerade erst 6:22 Uhr. Ganz plötzlich war es still. Eine Stimme erklang durchs Mikrophon. Da war sie dann: Die Amerikanische Nationalhymne! Ich stand im 4. Block – mit ungefähr gleichschnellen Läufern. Ich hörte die Hymne, gesungen von einem älteren Herrn und dann ging es los. Nein, nicht mit dem Lauf! Mit meinen Tränen. Ich hatte Tränen in den Augen, weil ich dachte: ´Wo bin ich hier? Das ist so krass! Ein kleiner Traum geht in Erfüllung! Ich kann es nicht glauben! Weit weg von all meinen Liebsten. Ich bin traurig, aber auch glücklich. Gemischte Gefühle. Es ist so dunkel. Es ist kalt. Warum muss es so früh losgehen? Ich hab Angst was auf mich zukommt. Ich kann es gar nicht fassen – ich bin in San Francisco und werde einfach laufen. Ich will es schaffen! Ich werde es genießen!` Ich unterdrückte meine Tränen. Schaute nach unten auf den Boden oder einfach geradeaus. Keiner sollte sehen, dass ich fast am Weinen bin. Ich habe den Moment genossen. Einfach inne gehalten. Doch dann ging es ganz schnell. Ich schaute auf die Uhr. Es war 6.30 Uhr. Ich hörte es wurde runtergezählt. Von 10 bis 1. Und zack, die ersten Läufer waren weg. Es ging für mich ein paar Schritte vorwärts. Näher zum Start. Die Aufregung stieg. Kurz darauf: Die nächsten Läufer liefen davon. Es ging noch näher. Und noch einmal, bis ich hörte: „Next start is for correl 4!“ Ich hörte genau hin – …,3,2,1 – es war soweit! Ich drückte den Startbutton meiner Laufuhr und lief los! Suchte am rechten Rand noch Samira, die geduldig wartete. Winkte ihr zu und entfernte mich vom Startbereich. Es lief sich locker. Die Straße war breit und man weichte Läufern aus. ´Läuft meine Uhr? Ja. Es geht also los!` Es war immer noch dunkel. Die ersten Meter waren geschafft! Nach 600 Metern die erste Abbiegung. Nach rechts. Was ich dort sah, überraschte mich. Es ging steil nach oben! Ein großer Berg wartete und ich sah die Läufer, die sich langsam hocharbeiteten. Manche von ihnen mussten schon gehen. Ich war noch am Anfang des Berges, aber ich schaffte es! Schritt für Schritt ging es hoch. Ich hörte auf meinen Atem und dachte: ´Krass, ich atme schon so wie nach einem 5km Lauf!` Ich war überrascht. Doch fand es auch lustig. Es ging hoch. Ich hörte Musik und freute mich! Etwas Motivation! Ein Mann hielt eine Musikbox in der Hand und lief! Ich überlegte kurz, ob ich mich an ihm halten sollte, aber er war mir etwas zu langsam. Ich lief mit meinem Tempo weiter. Als man oben war, ging es auch schon wieder runter. In einer Linkskurve befand sich eine Hippie-Selfie-Station, wo einige Läufer anhielten. Sie machten Fotos und liefen dann weiter. Ich lief um die Linkskurve und sah wieder, dass es hochging. Hoch, etwas geradeaus, wieder hoch und wieder geradeaus durch irgendwelche Siedlungen. Am höchsten Punkt die nächste Rechtskurve – ca. 90 Grad und es ging steil nach unten. Der Ausblick war richtig schön: Auf die Dächer San Franciscos! Ich musste etwas bremsen. Es ging sehr steil runter. Dennoch überholte ich ein paar Läufer. Man war wieder auf Punkt 0, so wie man gestartet ist. Man lief weiter, ruhig, bis ich plötzlich etwas sah, was mich wieder überraschte. Ein großes Tor, wo irgendwas mit „Big Hill – You can do it!“ darauf stand. Ich wunderte mich. ´Was sollte das heißen?` Es war nur eine leichte Steigung – dachte ich. Die Gedanken schwirrten umher. Was sollte das mit dieser Aufschrift? Wenn es so weiter geht, dann schaffe ich auch den „Big Hill“ locker! Dachte ich wieder. Denn so locker war es nicht! Ich merkte schon schnell, dass die leichte Steigung nur ein erster kleiner Schritt ist. Es ging steiler hinauf. Immer höher. Man sah nicht, wo es endet. Schilder am Rande motivierten die Läufer. Alle 200 Meter ein Schild mit Aufschriften wie „You were down there and now you are already here! A hill is like a breakup, in time you´ll get over it! When it goes up, it has to go down!“ Die Schilder motivierten mich und ich wusste, das hier ist krass! Bestimmt die steilste Steigung! Und so war es auch. Man lief weiter hinauf und sah immer noch nicht, wo es enden würde. Um die Kurve und noch höher. Und noch höher. Links das Meer, rechts irgendwelche Häuser und vorne nur ein Berg, der auf einen wartete. Ich lief in Ruhe weiter. Einige Läufer spazierten hoch, machten Selfies. Ich winkte in einige Kameras und hatte Spaß. Versuchte aber dennoch mein Tempo beizubehalten. Lief ruhig. Ganz langsam. Schritt für Schritt. Dann plötzlich hatte es ein Ende! Es wartete ein weiteres Tor für die Läufer. „You´ve conquered the hill!“ ´Juhu`, dachte ich, ´Ich hab´s geschafft!` Es warteten viele Leute da oben auf uns. Sie applaudierten. Sie freuten sich für uns. Und ich freute mich auch! Ein kurzer Blick nach hinten verriet mir, was ich soeben geschafft habe. Wow! Was ´ne Aussicht! Krass! Vorne sah man die Golden Gate Bridge. Links das Meer und hinter mir all die Läufer, die auf ihren Triumph am Berg hinarbeiteten. Auch sie werden es schaffen! Ich lief weiter. War froh es geschafft zu haben. Dann ging es wieder steil runter. Sehr steil, sodass man wieder auf dem „Nullpunkt“ war, wie man auch gestartet ist. Ich wusste was mir jetzt bevorstand und ich freute mich darauf. Die Golden Gate Bridge! Ich wusste wo ich mich befinde und wie ich darauf komme. Ich schaute nach vorne. Da war sie. Mit einer scharfen Rechtskurve war ich endlich drauf! Doch was war das?! Ein schneller Läufer kam mir entgegen! Ich freute mich, denn ich wusste: Das war der Schnellste des gesamten Laufes! Der Erste! Ich passierte den ersten, wie auch den zweiten, dritten, vierten … Es war eine Wendepunkt-Strecke. Nach den ersten paar Schritten auf der Bridge musste ich erstmal tief durchatmen. Ah, ich bin drauf!Ich wusste, es standen jetzt 2,727km mir bevor! Nur geradeaus. Es wurden extra 3 Bahnen gesperrt, ganz rechts die Läufer, die wiederkommen, die links daneben für die, die den ersten Weg laufen und die nächste zur Absicherung. Ich lief in einem großen Läuferfeld. Rechts kamen nur vereinzelt ein paar Läufer wieder – das waren die Ersten … Ich lief und wich aus. Lief weiter und wich wieder aus. So ging es die ganze Zeit. Es waren die ganzen Läufer-Touris, die anhielten und erstmal Fotos machten – überwiegend Selfies. War etwas nervig, aber ich gönnte denen den Spaß und lief auch in ein paar Kameras. Bei der Hälfte der Brücke schaute ich nach rechts. Wow! Das war der Sonnenaufgang! Richtig schön die ersten Sonnenstrahlen am Morgen hautnah bei geiler Atmosphäre mitzunehmen. Ich genoss es sehr. Und lief weiter. Ich näherte mich dem Ende der Brücke, als immer mehr Läufer auf der ersten Bahn wieder zurückliefen. Man hatte einen guten Überblick über die Läufer, die vor mir waren. Plötzlich sah ich einen Pace-Maker – 1:45 Stunden sagte das Schild. Ich schaute auf den Läufer und ja, es war jemand, den ich kannte! Es war unser damaliger Nachbar, mit dem ich öfters über Läufe rede und auch bei der Messe etwas gequatscht habe. Als ich ihn sah, überlegte ich. Wie sah es mit meiner Zeit aus? Ich hatte noch ein paar hundert Meter auf der Brücke und auch der Wendepunkt-Bereich beim Aussichtspunkt fehlte mir. Ich lief mit meinem Tempo weiter, aber mein Blick fiel nach rechts auf die Läufer, die wieder zurück liefen. Konnte ich den Pace-Maker 2:00 Stunden sehen, an den ich mich eigentlich anhängen wollte?! Hab ich ihn gesehen?! Ja? Nein? Bin mir nicht sicher … Ich lief weiter und war froh, das Ende der Bridge erreicht zu haben. Jetzt ging es um den Aussichtspunkt herum. Ich hörte Musik und freute mich. Eine Band stand dort und hatte eine geile Aussicht auf die Läufer, die vorbei liefen, die Golden Gate Bridge und die Skyline von San Francisco. Sie spielten etwas Rockiges. Ich lief vorbei, nahm die Musik in mir auf, doch nach wenigen Sekunden war auch davon nichts mehr zu hören. Es ging weiter und wieder los, auf die Golden Gate Bridge! Wo vorher noch die vereinzelten Läufer vorbei liefen, war nun ich mit all den weiteren Läufern im großen Feld. Und auch auf der anderen Spur waren viele Läufer und hab ich mich jetzt getäuscht oder was sah ich da?! Den Pace-Maker für die 2:00 Stunden-Marke?! Na, ich weiß nicht, bin mir nicht sicher … Mein Blick fiel fast durchgehend auf die andere Spur und ich sah den Läufern zu, die gerade auf dem Hinweg waren. Ich sah vereinzelt auch die weiteren Pace-Maker, die ich wirklich wahr nahm und lief einfach in meinem Tempo weiter. Ich lief und lief und wusste, was mich erwartet, wenn ich wieder herunter bin. Ich dachte über vieles nach, als ich auf der Golden Gate Bridge war – auch über diesen Blogeintrag. Ich muss sagen, er wird so, wie ich ihn mir vorgestellt habe! Dann, endlich machte ich den letzten Schritt auf der Brücke! Und es ging mit einer scharfen Kurve zunächst nach links und kurz darauf steil runter nach rechts. Was sah ich da wieder?! Die Läufer, die noch auf die Brücke laufen mussten, konnten es nicht mehr! Die Brücke wurde wieder geschlossen und die Läufer woanders entlang verleitet. Schade für die Läufer … Aber sie müssen bald wieder die Bridge für die Autos öffnen. Auf mich wartete jetzt ein etwas langweiligeres Stück – Crissy Field. Es war eine ziemlich lange gerade Strecke. Sie war flach, was ich dachte, dass es gut wäre, aber ich habe mich getäuscht. Es war ziemlich anstrengend! Ich lief und lief. Kannte schon die Gegend, weil ich hier schon mal an einem 5km Lauf teilgenommen habe. Es war etwas langweilig. Man entfernte sich von der Golden Gate Bridge. Sie fiel in den Hintergrund. Auch als der Fotograf unbemerkt seitlich Fotos von den Läufern gemacht hat. Ich hab ihn gesehen und natürlich gepost. Ein bisschen Spaß muss man doch auch haben. Kurz darauf eine nächste Attraktion: Ein großer Flachbild-Fernseher, wo man selbst zu sehen war! Ich winkte in die Kameras, es waren zwar kaum Leute dort, aber es war cool sich selbst zu sehen. Ich winkte nach links, nach rechs, machte einen Flieger und und und. Doch auch das war nur von kurzer Dauer. Es ging weiter. Flach. Ich überlegte und rechnete nach, als ich die 10 Meilen-Marke sah. Ich wusse es warteten noch 3 Meilen und irgendwas auf mich. Ich schaute auf die Uhr und wunderte mich, dass ich so schnell war. Ich überlegte kurz wie viel noch fehlte und ob ich meine Bestzeit von 1:59 Stunden knacken könnte. Ich dachte nach und schöpfte neue Energie! Wie geil das einfach wäre hier eine neue Bestzeit hinzulegen?! Aber ich wollte mich nicht unter Druck setzen und lief in meinem Tempo weiter. Ich wollte es einfach genießen! Und das tat ich auch! Endlich, ich näherte mich wieder etwas dem Zentrum. Es fingen auch die Hügel an und ich freute mich darüber! Endlich wieder etwas „Action“ im Lauf – überlegte ich. Es ging wieder hinauf. Immer wieder. Aber ich wusste ich nähere mich der Innenstadt. Und dem Ziel! Ich freute mich. Es dauert nicht mehr lange, dann habe ich es geschafft! Doch dann … Wie ich es öfters bei Laufveranstaltungen habe, zog es mich auf Toilette! Sollte ich noch eben in einem Häuschen verschwinden?! Oder kann ich es doch noch aushalten?! Ich passierte das erste Dixie-Häuschen und lief daran vorbei. Ich lief weiter, doch es wurde noch dringender, sobald ich daran dachte. Ich wollte nicht darüber nachdenken und überlegte, was mich im Ziel erwarten würde. Wie froh ich sein werde, bald dort anzukommen und es geschafft zu haben. Mit meiner Blase wurde es aber nicht besser – eher schlimmer, denn die Vorfreude und das Adrenalin kam dazu! Ich konnte nicht mehr und war froh, als ich von weiten ein Häuschen sah. Doch es verschwand gerade noch ein Mann darin. Ich dachte, es wäre perfekt, denn bis ich dort ankomme, würde er wieder rauskommen. Getäuscht! Ich ging dorthin und obwohl ich wusste, dass dort jemand ist, versuchte ich die Tür zu öffnen. Geschlossen – natürlich! Ich war etwas nervös und konnte ein etwas lauteres „Come on!“ nicht enthalten. Kurz darauf öffnete sich die Tür und ein Polizist kam heraus! Ups! Na egal! Ich flitzte eben rein und so schnell wie ich reinkam, war ich auch wieder raus – raus bei meinen Mitläufern. Es ging einen steilen Berg hoch – Kilometer 18. Gleich bin ich da. Auf die Uhr schaute ich nur sehr selten. Es war flach und wieder hoch und flach und wieder hoch. Und dann?! Während die Läufer vor mir weiter hoch liefen, musste ich nach rechts abbiegen und mich dort dem Berg zuwenden. Es wurde die andere Strecke gesperrt, damit die Autos auch vorbeifahren konnten. Somit war ich kurzzeitig fast Erste! Hahaha! So fühlte es sich jedenfalls an. Es war anstrengend! Verdammt anstrengend und ich war langsam! Ziemlich langsam! Einige Läufer gingen den Berg hoch und waren genauso schnell wie ich lief. Aber gehen wollte ich einfach nicht! Nein! Ich versuchte stark zu bleiben und schaffte es! Ja! Ich hab es geschafft! Ich war oben auf dem hohen Berg und ich kam näher und näher. Ich hörte schon Stimmen durch´s Mikrophon! Ja! Und es ging runter! Einfach nach unten – die ganze Zeit geradeaus! Und ich wunderte mich, als immer mehr Menschen am Rand standen und anfeuerten! Ich kam näher! Ich fragte mich, ob ich noch irgendwo abbiegen muss, oder einfach geradeaus laufen muss. Nicht zu viel nachdenken, Nicole! Ich genoss es weiter! Eine Band in der Mitte der Strecke, die ich rechts passierte und weiter runter. Und da sah ich es! Das Ziel! Ein großes Tor mit der Aufschrift „Finish!“. Jaaa! Ich schaute nach links und recht zu den anfeuernden Menschen und fand Samira! Winkte in ihre Kamera und genoss den Moment einfach dort zu sein! Ich schaute auf die Uhr, die etwas mit 2:06 Stunden sagte, aber das war nicht meine richtige Zeit! Das war mir bei dem Moment auch einfach egal! Ich lief weiter! Lief mit ausgestreckten Armen durch das Finish und hatte es geschafft! Ja! Ich bin angekommen! Ich freute mich so! Fotografen schossen das ein oder andere Foto von mir und ich konnte es einfach nicht fassen! Ich war immer noch fit! Ich fühlte mich einfach gut! Ich habe es geschafft und war einfach glücklich! Vor allem als eine Frau mir die Medaille gab! Die schönste Medaille bei dem besten Lauf! Ich muss echt sagen, dass es mein bislang schönster Lauf war! Es war einfach der Hammer und ich war einfach überglücklich!

Finished in: 2:02:40 Stunden – Yeah! Ein großer Erfolg für mich!!! :)

 

Zu den Fotos:

Rock´N Roll 1/2 Marathon San Francisco

Zu meinen Ergebnissen und den online Fotos:

http://running.competitor.com/cgiresults?eId=70&eiId=232&seId=806&pId=85012